Das kontroverseste Kunstwerk Bochums – das Terminal von Richard Serra
04.08.2026

Du kommst aus dem Bahnhof in Bochum, willst in die Innenstadt laufen – und mitten auf der Kreuzung steht dieser rostige Stahlkoloss. Vier gewaltige Platten, über zwölf Meter hoch, leicht gegeneinander gelehnt. Ganz ohne Figur, ohne „schönes“ Motiv. Für viele ist Terminal das kontroverseste Kunstwerk Bochums und für manche auch ein Kunstklo. Für mich macht gerade diese Kontroverse das Werk aus und zeigt die bewegte Geschichte der öffentlichen Kunst in Bochum auf.

Wie kam das Werk eigentlich nach Bochum?

Terminal wurde 1977 für die documenta 6 in Kassel geschaffen, eine der wichtigsten internationalen Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Während dieser documenta stand die Plastik vor dem Fridericianum und wurde schnell als Wahrzeichen dieser Ausgabe wahrgenommen. Nach der Ausstellung wollte Kassel das Werk behalten, andere Städte interessierten sich ebenfalls – doch am Ende kaufte Bochum es für rund 300.000 an und traf damit eine folgenreiche Entscheidung.1 Serra selbst favorisierte den Standort direkt vor dem Hauptbahnhof auf einer Verkehrsinsel, wo das Werk 1979 schließlich aufgestellt wurde – mitten am pulsierenden Verkehrsknotenpunkt.2

Das Terminal 1977 in Kassel auf der documenta 6.3

Vier Stahlplatten für 300.000 Mark?

Als das Werk 1979 aufgestellt wurde, standen plötzlich vier gewaltige Stahlplatten auf einer viel befahrenen Kreuzung. Besonders der Ankaufspreis von rund 300.000 DM war vielen ein Dorn im Auge und schien viel zu hoch im Vergleich zu (fehlenden) Ausgaben für Infrastruktur, Instandhaltung und sozialen Wohnraum in Bochum. In einem Interview sagte eine Besucherin des Terminals den berühmten Satz: „Ich stehe in einem Haufen Schrott.“4 Harte Worte für das damals neue Kunstwerk. Weil der Innenraum Schutz bietet, nutzten einige das Werk tatsächlich als „Kunstklo“ oder „öffentliche Bedürfnisanstalt“ verspottet – ein Spitzname, der sich hartnäckig in der lokalen Wahrnehmung gehalten hat. Was Fachleute als radikale Raumerfahrung feierten, empfanden viele Bochumer*innen als Provokation, Platzverschwendung oder schlicht als Fremdkörper im Stadtbild.

Terminal wurde zum Politikum und Wahlkampfthema, insbesondere für konservative Parteien, die gegen moderne Kunst im öffentlichen Raum mobil machten. Beispielsweise hielten CDU-Politiker Reden direkt vor der Skulptur und kündigten im Falle eines Wahlsiegs den Abriss des Werks an. Es gab Protestaktionen, Petitionen gegen den Abriss, Vandalismus und Demonstrationen.5

Ein Blick auf die Idee dahinter

Terminal besteht aus vier trapezförmigen Platten aus Cortenstahl, einem wetterfesten Stahl, der mit der Zeit rostet und dadurch eine schützende Patina bildet. Die Veränderung der Oberfläche ist also auch ein bewusster Teil des Kunstwerks. Jede Platte ist etwa 12,5 Meter hoch, 6,4 Zentimeter dick und wiegt rund 24 Tonnen – zusammen kommt das Werk auf etwa 100 Tonnen. Der industriell wirkende Stahl verweist auf die Geschichte der Bergbauregion und gleichzeitig darauf, dass Kunst nicht edel glänzen muss, um bedeutend zu sein. Wenn du um Terminal herumgehst, merkst du: Die Platten stehen nicht „massiv“ wie ein Block, sondern lehnen gegeneinander, als würden sie sich gegenseitig halten.

Innen entsteht ein enger, begehbarer Raum – ein Quadrat, das nach oben offen ist und den Himmel wie ein minimalistisches Bild rahmt. Mein Tipp an dieser Stelle: lauf nicht nur dran vorbei oder einmal rundherum, sondern nimm dir die Zeit um es auch von innen zu betrachten. Es ist schön, einen Ausschnitt vom Himmel so deutlich zu sehen. Durch die dunklen Platten als Rahmung strahlt der Himmel noch mehr als sonst und kleine Unterschiede wie vorbeiziehende Wolken oder Vögel fallen mehr auf.

Der Titel Terminal spielt bewusst mit der Idee von Bewegung und Ankunft: Die Skulptur markiert den Übergangspunkt zwischen Unterwegssein und Ankommen am Verkehrsknoten Hauptbahnhof. Das Werk macht deine Bewegung, deinen Blick und deine eigene Position im Stadtraum damit selbst zum Thema.

Veränderte Wahrnehmung im Laufe der Zeit

Viele der ursprünglichen Vorwürfe – zu teuer, zu hässlich, zu rostig – spiegeln vor allem die Erwartungen an Kunst in den 1970er Jahren: Man erwartete erkennbare Figuren, Geschichten und „schöne“ Motive. Terminal bietet stattdessen einen Eingriff in den Stadtraum, bewusste Dominanz und Steuerung der Blickachsen und ein Material, das eng mit der Geschichte des Ruhrgebiets verbunden ist. Heute wird der Wert der Plastik auf ein Vielfaches des ursprünglichen Kaufpreises geschätzt und einige Politiker, die explizit gegen die Aufstellung des Werks waren, freuen sich heute über seine Präsenz.

Wenn du das Werk als „Störung“ empfindest, bist du übrigens ganz im Sinne der Arbeit unterwegs: Serra wollte, dass du aus deiner Routine gerissen wirst, dass du innehältst, dein Weg unterbrochen wird und du zum Nachdenken angeregt wirst.9

Wenn du jetzt Lust bekommen hast, das Werk auch einmal anzuschauen, findest du in der Artventure App den konkreten Standort:

Terminal
Terminal

Richard Serra

Was ist für dich das kontroverseste Kunstwerk der Stadt?

Siehst du das Terminal auch als „Schrotthaufen“ oder fasziniert dich der Anblick des Himmels im Innern? Schreib deine Meinung gerne in die Kommentare.


  1. https://www.waz.de/kultur/article579168/an-einer-skulptur-scheiden-sich-die-geister.html, Dirk Nordhoff, Beitrag vom 07.04.2009, abgerufen am 04.08.2026 ↩︎
  2. https://www.waz.de/staedte/bochum/70-jahre/article214802235/serras-skulptur-terminal-entfacht-in-bochum-bis-heute-streit.html, Jürgen Stahl, Beitrag vom 09.07.2018, abgerufen am 04.08.2026 ↩︎
  3. Peter H. Feist, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85650167 ↩︎
  4. https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/serra-100.html, Ralph Erdenberger, Beitrag vom 04.09.2019, abgerufen am 04.08.2026 ↩︎
  5. Ebd. ↩︎
  6. Arnoldius, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11432927 ↩︎
  7. Moltkeplatz, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32433870 ↩︎
  8. Manfred Kopka, Bochum, Terminal von Richard Serra, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42124543 ↩︎
  9. https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/zeitzeichen/serra-100.html, Ralph Erdenberger, Beitrag vom 04.09.2019, abgerufen am 04.08.2026 ↩︎
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