Eine Woche nachdem das Netz über der Konstablerwache hing, verfing sich ein Vogel darin. Die Feuerwehr musste ihn befreien. Für den Bund der Steuerzahler war das die perfekte Pointe für ein Kunstwerk, das er für 2,3 Millionen Euro Verschwendung hält.
Seit Anfang Oktober steht Janet Echelmans Arbeit „A Sky Full of Hope – Earthtime 1.78″ im neuen Schwarzbuch, jener jährlichen Liste, mit der der Bund der Steuerzahler öffentliche Ausgaben anprangert. Die Stadt Frankfurt verteidigt sowohl die Auswahl der Künstlerin als auch die Finanzierung. Und ich finde: An diesem Streit lässt sich ziemlich genau studieren, warum Kunst im öffentlichen Raum es politisch so schwer hat.
Worum es konkret geht
Seit August 2026 hängt über dem Platz an der Frankfurter Konstablerwache eine monumentale Netzskulptur der US-amerikanischen Künstlerin Janet Echelman. Sie ist aus Hochleistungsfasern geknotet, bewegt sich im Wind und wird nachts farbig illuminiert. Angelegt ist die Installation für drei Jahre. Die Gesamtkosten liegen bei 2,3 Millionen Euro.
Echelman ist keine Unbekannte. Ihre schwebenden Netze hängen inzwischen in Städten auf mehreren Kontinenten. Die Konstablerwache gilt dagegen als einer der schwierigsten Plätze Frankfurts: ein Verkehrsknoten mit Drogenszene, Leerstand und wenig Aufenthaltsqualität. Das Netz soll ihn aufwerten.
Der Bund der Steuerzahler bezweifelt genau das. Er hält die Kosten für zu hoch und die dauerhafte Aufwertung eines, wie es im Schwarzbuch heißt, eher trostlosen Platzes für unwahrscheinlich. Und er führt den im Netz verfangenen Vogel an, dessen Rettung durch die Feuerwehr zusätzliche, wenn auch geringe Kosten verursacht habe.
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Die Stadt rechnet anders
Frankfurt hält dem entgegen, dass kein Euro aus dem laufenden Kulturetat stammt. Ein Teil des Geldes kommt aus Mitteln der Initiative Innenstadt von 2024, die sonst verfallen wären, der andere Teil aus dem Nachtragshaushalt 2025. Bei Kunst, Kultur oder Wissenschaft sei nichts gekürzt worden. Kulturdezernentin Ina Hartwig hat eingeräumt, dass sie die Kostenkritik versteht, verweist aber darauf, dass das Geld aus einem Stadtmarketing-Budget für die Illumination der Stadt stammte. Die Auswahl der Künstlerin sei rechtmäßig erfolgt.
Warum gab es keinen Wettbewerb?
Der Auftrag wurde ohne öffentliche Ausschreibung und ohne Wettbewerb vergeben. Die Stadt begründet das mit Echelmans Erfahrung im öffentlichen Raum. Wie viel von den 2,3 Millionen Euro als Leihgebühr an die Künstlerin geht und wie viel an das Frankfurter Atelier Markgraph für die Installation, will die Stadt nicht sagen. Sie nennt es ein Geschäftsgeheimnis.
Das hat in Frankfurt für deutlich mehr Unruhe gesorgt als die Summe selbst. Der Installationskünstler und Städelschule-Professor Tobias Rehberger nannte die Arbeit kitschig und verglich sie mit farbigen LED-Streifen im Mercedes; Frankfurt sei jetzt einfach eine weitere Stadt mit einem Echelman-Netz. Die Stadt betont, das Netz sei neu geknotet und speziell für Frankfurt entstanden, keine Kopie.
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Warum das Thema uns alle angeht
Die Debatte um Kunst im öffentlichen Raum verläuft fast immer in derselben Reihenfolge. Zuerst wird über den Preis gestritten, dann über den Geschmack, und irgendwann bleibt nur der Satz übrig, man hätte mit dem Geld besser Schulen oder Straßen saniert.
Dabei verschwimmen zwei Fragen, die man getrennt stellen müsste. Die erste: Soll eine Stadt überhaupt Geld für Kunst im Stadtraum ausgeben? Da ist meine Haltung klar, denn der öffentliche Raum ist die einzige Galerie, die niemanden aussperrt. Kein Ticket, keine Öffnungszeiten, keine Zugangsbeschränkungen. Wer über die Konstablerwache läuft, hat sich nicht für Kunst entschieden und wird trotzdem mit ihr konfrontiert.
Die zweite Frage ist eine andere: Nach welchem Verfahren wird entschieden? Ein nicht veröffentlichtes Honorar, kein Wettbewerb, eine international etablierte Künstlerin, von deren Werkreihe es Varianten in zahlreichen Städten gibt. Und wer Kunst im öffentlichen Raum dauerhaft gegen Schwarzbuch-Einträge verteidigen will, braucht Verfahren, die Vertrauen schaffen, statt Geschäftsgeheimnisse.
Was ich bei meiner Arbeit darüber gelernt habe
Wenn ich für die Artventure App Werke recherchiere, stoße ich regelmäßig auf Zeitungsarchive aus den Entstehungsjahren. Und das Muster wiederholt sich: Fast jede Skulptur, die heute als selbstverständlicher Teil ihrer Stadt gilt, war bei der Aufstellung ein Skandal. Zu teuer, zu abstrakt, zu hässlich, am falschen Platz.
Das heißt nicht, dass jede Kritik unbegründet ist. Aber es heißt, dass der erste Aufschrei ein schlechter Ratgeber ist. Ein Kunstwerk im Stadtraum braucht Jahre, manchmal Jahrzehnte, bis die Menschen eine Beziehung dazu aufgebaut haben. Nach drei Jahren wird Echelmans Netz abgebaut sein. Ob Frankfurt es dann vermisst, wird man erst merken, wenn der Himmel über der Konsti wieder leer ist.
Jetzt interessiert mich eure Meinung: Was darf ein Kunstwerk im öffentlichen Raum eurer Meinung nach kosten? Schreibt es mir in die Kommentare!
