Das beliebteste Freizeitprogramm im Central Park ist nicht Joggen, Rudern oder Picknicken. Es ist Hunde gucken. Genau das hat sich die französische Künstlerin Camille Henrot zunutze gemacht – und stellt ein Dutzend Hunde an den Parkeingang, die sich garantiert niemals losreißen.
Seit dem 9. September 2026 steht an der südöstlichen Ecke des New Yorker Central Park eine Gruppe von Hundeskulpturen, an der kaum jemand vorbeikommt, ohne zu lächeln. Es ist Henrots erste öffentliche Ausstellung in New York überhaupt – und sie ist Teil eines Herbstes, in dem die Künstlerin die Stadt gleich an drei Orten bespielt.
Was im Central Park zu sehen ist
„Camille Henrot: Dogs“ ist ein Projekt des Public Art Fund, der seit Jahrzehnten temporäre Kunst in den New Yorker Stadtraum bringt. Die Eckdaten:
- Ort: Doris C. Freedman Plaza, Eingang Central Park an der 60th Street / Fifth Avenue
- Laufzeit: 9. September 2026 bis 29. August 2027 – also fast ein ganzes Jahr
- Anzahl: zwölf großformatige Hundeskulpturen
- Materialien: Bronze, Stein, Stahl und Beton – jeder Hund aus einem anderen Material
- Kuratiert von: Melanie Kress, Senior Curator beim Public Art Fund
- Eintritt: frei, rund um die Uhr
Die Hunde sind an der Leine, jeder hat eine eigene Persönlichkeit. Manche sehen eher aus wie Spielzeug als wie Pudel, und trotzdem erkennt man sofort Gesten, Haltungen und Gesichtsausdrücke, die jeder kennt, der schon einmal einen Hund hatte. Vorbild waren die Hunde, denen Henrot in ihrem eigenen Viertel begegnet, der Upper West Side.
Henrot, 1978 in Paris geboren und heute in New York lebend, hat schon in ihrer Galerieausstellung „A Number of Things“ bei Hauser & Wirth 2025 Hunde mit sprechenden Namen gezeigt: einen sitzenden Stahlhund namens Noé, eine französische Bulldogge aus Holz namens Francesco. Die Central-Park-Serie ist das Outdoor-Kapitel dieser Werkgruppe.
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Warum ausgerechnet Hunde?
So verspielt die Skulpturen wirken – die Idee dahinter ist es nicht. Für Henrot sind Hunde Symbole des domestizierten Lebens. Sie sitzen, wie die Künstlerin sagt, in der Mitte zwischen Natur und Mensch: halb wild, halb erzogen, immer an der Leine unserer Regeln.
Die ganze Werkgruppe fragt, wie Etikette, Ordnung und gesellschaftliche Regeln die Fantasie und den Erfindungsgeist junger Lebewesen prägen – von Hunden genauso wie von Kindern. Henrot hat zwei Kinder, und die Frage, wie man in einer Welt voller Vorschriften Neugier bewahrt, zieht sich durch ihr gesamtes jüngeres Werk.
Und dieses Werk ist beeindruckend. International bekannt wurde Henrot 2013 mit dem Film „Grosse Fatigue“, den sie während eines Stipendiums an der Smithsonian Institution drehte: eine atemlose Collage aus Archivmaterial, naturkundlichen Sammlungen und übereinandergestapelten Browserfenstern. Er brachte ihr den Silbernen Löwen der Biennale von Venedig ein. 2014 folgte der Nam June Paik Award, 2015 der Edvard Munch Award.
Drei Orte, eine Künstlerin: Henrots New Yorker Herbst
Die Hunde sind nur der sichtbarste Teil. Parallel zeigt Henrot in New York:
- Den Film „In the Veins“ im New Museum. Er beschäftigt sich mit der Erfahrung, in Zeiten von Massenaussterben und Klimakrise Kinder großzuziehen, und läuft parallel auch bei LUMA in Arles.
- Ihr erstes Theaterstück „Commedia dell’arte“, das vom 23. bis 26. September 2026 bei L’Alliance New York seine New-York-Premiere feiert – präsentiert von Performa im Rahmen des Crossing The Line Festivals. Die Uraufführung war im Juli in Aspen.
Das Stück überträgt die Stockfiguren der italienischen Renaissance-Komödie in ein heutiges New Yorker Mietshaus. Statt Harlekin und Pantalone gibt es Lieferfahrer, Vermieter und Tech-Bros; eine Paketzustellung löst eine Kette unheimlicher Ereignisse aus. Die Bühnensprache orientiert sich an Henrots Vergangenheit als Zeichnerin und an der Slapstick-Komik von Buster Keaton, Jim Carrey und Tex Avery.
Zum Theaterstück bei L’Alliance New York
Warum Tierskulpturen die zugänglichste Kunst im öffentlichen Raum sind
Ich glaube, Henrot hat mit den Hunden etwas verstanden, das viele Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekte übersehen: Niemand muss sich trauen, einen Hund gut zu finden.
Bei abstrakter Kunst im Stadtraum gibt es fast immer diese kleine Hemmschwelle. Darf ich das schön finden? Verstehe ich das überhaupt? Was soll das? Bei einer Tierskulptur fällt diese Schwelle weg. Kinder rennen hin, Erwachsene fotografieren, Hundehalter:innen stellen ihren eigenen Hund daneben. Man ist sofort im Gespräch mit dem Werk – und erst beim zweiten Hinsehen merkt man, dass da noch etwas mehr drinsteckt.
Das ist kein Zufall. Tiere gehören zu den ältesten Motiven im öffentlichen Raum überhaupt: Löwen vor Palästen, Pferde unter Feldherren, Wappentiere auf Brunnen. Henrot dreht dieses Prinzip um. Ihre Hunde bewachen nichts und repräsentieren niemanden. Sie sind einfach da, wie die echten Hunde auf der anderen Seite des Parkzauns.
Und bei uns in NRW?
Tiere im Stadtraum haben auch hier eine lange Tradition – von klassischen Brunnenfiguren bis zu Stadtmaskottchen wie den geflügelten Nashörnern in Dortmund, dem Wappentier des Konzerthauses. Und es gibt viel mehr davon, als man im Alltag bemerkt.
Mir passiert das bei meinen Recherchen für die Artventure App ständig: Ich suche eine bestimmte Skulptur und stolpere unterwegs über eine andere, die ich nie bemerkt hatte – meistens ein Tier. Eine Katze auf einem Mauervorsprung, ein Bronzehund vor einem Hauseingang, Vögel an einer Fassade. Genau diese Werke sind es, bei denen Kinder am längsten stehen bleiben.
Was das mit Artventure zu tun hat
Henrots Hunde stehen an einem der meistbesuchten Orte der Welt, mit Pressemitteilung, Kuratorin und Sponsorenliste. Die meisten Tierskulpturen in unseren Städten haben nichts davon. Oft nicht einmal ein Schild.
Deshalb gibt es die Artventure App. Auf unserer interaktiven Karte sind aktuell über 1.100 Kunstwerke in NRW erfasst – Skulpturen, Street Art, Lichtkunst, Kunst am Bau, Mosaike, Reliefs und Denkmäler –, jeweils mit Künstler:in, Entstehungsjahr und Hintergrundgeschichte zum Lesen oder Hören. Über die Routenfunktion lasst ihr euch per GPS direkt hinführen. Kostenlos, ohne Anmeldung.
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