Wenn eine Bahnhaltestelle zum Denkmal wird
23.09.2026

Jeden Tag steigen hier Bochumer*innen und Museumsgäste aus, und kaum jemand wirft einen Blick an die Wand. Dabei laufen sie durch Kohleflöze, an Stützen in Pilzform vorbei und durch eine Waschkaue ans Tageslicht. Seit dem 13. September 2026 ist es offiziell: Die U-Bahnstation „Deutsches Bergbau-Museum“ in Bochum ist ein Denkmal – die erste U-Bahnstation in ganz Nordrhein-Westfalen.

Für mich ist das nicht einfach eine Meldung aus dem Rathaus. Es ist ein bisschen auch meine eigene Geschichte.

Was am Tag des offenen Denkmals passiert ist

Der bundesweite Tag des offenen Denkmals, koordiniert von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, stand 2026 unter dem Motto „NetzWERKE: Denkmale & Infrastruktur“. Am Sonntag, dem 13. September, brachte Bürgermeisterin Barbara Jessel gemeinsam mit Dagmar Stallmann vom Amt für Stadtplanung und Wohnen am Eingang Europaplatz die offizielle Denkmalplakette an. Für die Untere Denkmalbehörde der Stadt war das eine echte Premiere, denn sie hat damit zum ersten Mal ein unterirdisches Bauwerk unter Schutz gestellt.

Im Anschluss gab es zwei Führungen unter dem Titel „Up & Down“, eine Kooperation der Stadt, des Deutschen Bergbau-Museums und der Kortum-Gesellschaft Bochum. „Down“ ging es hinab in die Station, „Up“ hinauf auf das Fördergerüst des Museums, das abends zusätzlich illuminiert wurde.

Zur Mitteilung der Stadt Bochum · Zum Bericht im Bochum Journal

Eine Haltestelle mit Geschichte

Eröffnet wurde die Station im Jahr 1989. Sie gehört zur U35, der „CampusLinie“, die nach Angaben der Stadt die einzige Stadtbahnlinie im Ruhrgebiet ist, die zwei Städte direkt miteinander verbindet: Bochum und Herne. Entworfen hat sie der städtische Ingenieur Jochen Habeck, errichtet wurde sie in der sogenannten „Bochumer Bahnhofsbauweise“.

Das Besondere an Habecks Entwurf ist sein doppelter Anspruch. Er plante die Station nicht nur als Verkehrsbauwerk, sondern zugleich als ausgelagerten Ausstellungsraum des Deutschen Bergbau-Museums. Wer hier aussteigt, soll schon unter der Erde spüren, wohin er gerade unterwegs ist.

Zum Bericht bei halloBO

Warum diese Station anders ist

Wer das nächste Mal an der Haltestelle aussteigt, sollte sich zehn Minuten Zeit nehmen. Denn die Station ist gestaltet wie ein Weg aus dem Bergwerk nach oben. Die Wände der Bahnsteigebene sind von stilisierten Kohleflözen durchzogen, sodass man gewissermaßen mitten im Gestein steht, aus dem das Ruhrgebiet gemacht ist. Die pilzförmigen Stützen erinnern an den Ausbau unter Tage, und teilweise wurde Naturstein verbaut, der an Kohle denken lässt.

An den Zugängen wechselt das Bild: Dort zitieren schwarz-weiße Fliesen die Waschkaue, also jenen Raum, in dem sich Bergleute vor und nach der Schicht umzogen und wuschen. Und schließlich greift die kreisrunde Ausgangsöffnung ein weiteres Motiv des untertägigen Bergbaus auf.

Man fährt hier also nicht einfach mit der Rolltreppe nach oben. Man „fährt aus“, wie die Bergleute sagen, und steht dann direkt vor dem Fördergerüst des Bergbau-Museums, das seinerseits unter Denkmalschutz steht. Unten die U-Bahn, oben der Doppelbock: Genau diese Verbindung haben die Führungen „Up & Down“ erlebbar gemacht.

Zur Beschreibung bei Bochum Tourismus

Meine Geschichte mit Bochumer Haltestellen

Im Studium der Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum konnte ich an einem Kurs zur Denkmalinventarisierung bei Hans H. Hanke teilnehmen. Wir haben uns gemeinsam Bochumer Bahnhaltestellen angeschaut und diskutiert, welche davon schützenswert ist und welche nicht.

Das klingt erst einmal trocken. War es aber überhaupt nicht. Plötzlich stand man an einem Ort, an dem man sonst nur ungeduldig auf die nächste Bahn wartet, und stellte ganz andere Fragen: Wer hat das entworfen? Warum sehen die Fliesen so aus? Ist das ein typisches Beispiel für seine Zeit oder ein einmaliges? Was würde fehlen, wenn es morgen abgerissen würde?

Danach sieht man Haltestellen mit ganz anderen Augen. Ich zumindest kann seitdem nicht mehr einfach nur vorbeilaufen.

Dass die Station „Deutsches Bergbau-Museum“ jetzt genau aus einem solchen Zusammenhang heraus unter Schutz gestellt wurde, freut mich deshalb besonders. Ihre Denkmalwürdigkeit wurde im Rahmen eines Erfassungsprojekts zur Architektur der 1960er- bis 1980er-Jahre untersucht, das die Stadt gemeinsam mit dem Kunstgeschichtlichen Institut der RUB durchgeführt hat und das anschließend mit der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen weitergeführt wurde. Genau die Art von Arbeit, die wir damals im Seminar geübt haben, hat hier also ganz konkret zu einem Denkmal geführt.

Wie wird eigentlich etwas zum Denkmal?

Die kurze Antwort lautet: Nicht jedes alte Gebäude ist ein Denkmal, und nicht jedes Denkmal ist alt.

Vereinfacht gesagt prüft die Denkmalpflege in NRW zwei Dinge. Zunächst geht es darum, ob ein Bauwerk bedeutend ist, zum Beispiel für die Geschichte einer Stadt, für die Entwicklung von Arbeit und Technik oder für die Architekturgeschichte. Dann wird gefragt, ob es gute Gründe gibt, es zu erhalten, etwa künstlerische, wissenschaftliche, volkskundliche oder städtebauliche.

Bei der Station „Deutsches Bergbau-Museum“ kommt gleich mehreres zusammen. Verkehrsgeschichtlich steht die U35 exemplarisch für die Stadtbahnplanungen der 1960er- und 1970er-Jahre im Ruhrgebiet. Architekturgeschichtlich ist die Station ein besonderes Beispiel postmoderner Gestaltung, die bewusst Geschichten erzählt, statt nur funktional zu sein. Und stadtgeschichtlich übersetzt sie die Bergbauvergangenheit Bochums in eine moderne Infrastruktur, die diese Vergangenheit jeden Tag sichtbar macht.

Warum das Thema uns alle angeht

Bei „Denkmal“ denken die meisten an Burgen, Kirchen und Schlösser. Die Bochumer Entscheidung zeigt etwas anderes: Auch vergleichsweise junge Infrastruktur kann Teil unseres baukulturellen Erbes sein. Eine Haltestelle von 1989 ist gerade einmal 37 Jahre alt und damit jünger als viele, die sie benutzen.

Das ist wichtig, weil gerade die Bauten der 1960er- bis 1980er-Jahre vielerorts unter Druck stehen. Sie gelten oft als hässlich, unpraktisch oder sanierungsbedürftig und werden abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit modernisiert, bevor jemand fragt, ob sie etwas Besonderes sind. Erfassungsprojekte wie das in Bochum sind der Versuch, rechtzeitig hinzuschauen.

Und noch etwas finde ich bemerkenswert: Diese Station ist eigentlich Kunst am Bau im allerbesten Sinn. Die Gestaltung wurde nicht nachträglich an die Wand gehängt, sondern steckt in der Architektur selbst, in den Stützen, den Fliesen und den Wänden. Man kann sie gar nicht übersehen. Man muss nur hinschauen.

Tipp: Kombiniert es mit einem Kunstspaziergang

Wer schon in Bochum ist, sollte ein paar Stationen weiterfahren. Die U35 hält auch am Hauptbahnhof, und dort steht eines der bekanntesten und umstrittensten Kunstwerke im öffentlichen Raum des Ruhrgebiets: Richard Serras „Terminal“.

👉 Hier habe ich die ganze Geschichte des „Terminals“ aufgeschrieben

Was das mit Artventure zu tun hat

Die Denkmalplakette ist ein kleines Schild mit großer Wirkung: Sie sagt jedem, der vorbeikommt, dass hier etwas Besonderes ist. Die meisten Kunstwerke, Reliefs, Mosaike und Kunst-am-Bau-Arbeiten in NRW haben so ein Schild nicht. Oder es ist beschmiert, zerkratzt oder längst verschwunden.

Genau deshalb habe ich die Artventure App gegründet. Auf unserer interaktiven Karte sind aktuell über 1.100 Kunstwerke in NRW erfasst, von Skulpturen und Street Art über Lichtkunst und Kunst am Bau bis zu Mosaiken, Reliefs und Denkmälern. Zu jedem Werk gibt es Künstler:in, Entstehungsjahr und Hintergrundgeschichte zum Lesen oder Hören, und über die Routenfunktion lasst ihr euch per GPS direkt hinführen. Kostenlos und ohne Anmeldung.

Man könnte sagen: Die App ist eine digitale Plakette für all die Werke, die keine haben. Und sie macht mit euch das, was der Kurs damals mit mir gemacht hat – sie verändert den Blick auf Orte, an denen ihr jeden Tag vorbeigeht.

Schaut beim nächsten Mal genauer hin

Ladet euch die Artventure App kostenlos für iOS und Android herunter und entdeckt, welche Kunst in eurer Stadt im Alltag verborgen ist, an Haltestellen, Fassaden, Schulen und Rathäusern.

👉 Hier geht’s direkt zur interaktiven Kunstkarte
👉 Und hier zum Newsletter – einmal im Monat Neuigkeiten rund um Kunst im öffentlichen Raum.

Und jetzt seid ihr dran: Welche Haltestelle, welcher Bahnhof oder welcher Bau in eurer Stadt sollte eurer Meinung nach unter Denkmalschutz stehen – und warum? Schreibt es mir in die Kommentare, ich bin gespannt auf eure Kandidaten!

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