Früher protestiert, heute gefeiert – die Geschichte der Nanas von Niki de Saint Phalle
29.10.2026

Januar 1974, Hannover. Am Leibnizufer werden drei Frauenfiguren aufgestellt, bis zu fünf Meter hoch, knallbunt, mit ausgeprägten Rundungen und kleinen Köpfen. Eine tanzt auf einem Bein, eine steht kopf.

Die Stadt reagiert negativ darauf. In Leserbriefen an die Hannoversche Allgemeine ist von „ekelhaften Scheußlichkeiten“ und einer „Kulturschande“ die Rede. Eine Bürgerinitiative zieht unter dem Motto „Weg mit den Nanas“ los und sammelt rund 20.000 Unterschriften. Der städtische Imagepfleger, der die Figuren verteidigt, wird unter Polizeischutz gestellt.¹ Sechsundzwanzig Jahre später macht dieselbe Stadt die Künstlerin zu ihrer Ehrenbürgerin. 2018 schätzt ein Gutachten den Wert der drei Figuren auf 3,5 Millionen Euro.¹ Und heute gibt es in Hannover kaum ein Souvenir, auf dem sie nicht drauf sind. Am 29. Oktober wäre Niki de Saint Phalle 96 Jahre alt geworden und kürzlich hatte ich persönlich die Möglichkeit, den Einfluss von Saint Phalle auf Hannover zu sehen.

Nanas
Nanas

Niki de Saint Phalle

Sophie, Caroline und Charlotte

Ihre Namen haben die Nanas nicht von der Künstlerin bekommen, sondern von Hannover selbst: Während der Aufstellung wurden Schaulustige nach bekannten Hannoveranerinnen gefragt.¹ Heraus kamen drei Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten:

  • Sophie – nach Kurfürstin Sophie von der Pfalz, Stammmutter der britischen Könige aus dem Haus Hannover. Sie ist die Tänzerin mit den erhobenen Armen.
  • Caroline – nach Caroline Herschel, Astronomin, die im 18. Jahrhundert mehrere Kometen entdeckte. Sie ist die, die kopfsteht.
  • Charlotte – nach Charlotte Buff, in die sich der junge Goethe verliebte und die als „Lotte“ in „Die Leiden des jungen Werthers“ eingegangen ist.²

Wie die Nanas überhaupt nach Hannover kamen

Dass die Figuren an einer Hauptstraße und nicht in einem Museum stehen, ist kein Zufall, sondern Politik. Am 27. Mai 1970 beschloss der Rat der Stadt auf Anregung von Oberstadtdirektor Martin Neuffer das „Experiment Straßenkunst“: moderne Kunst raus aus den Häusern, rein in den Alltag.³ Hannover war damit die erste westdeutsche Stadt, die Kunst im öffentlichen Raum zum kommunalpolitischen Programm machte. Zum Auftakt beim ersten Altstadtfest im August 1970 schaute die halbe Republik zu.

Die Nanas waren Höhepunkt und Schlusspunkt dieses Experiments. Die Stadt erwarb sie als Auftragsarbeit – für rund 150.000 bis 180.000 D-Mark, hier gehen die Angaben auseinander.¹ ³ Aus dem Streit entstand erst die öffentliche Debatte über Kunst im Stadtraum – und später die Skulpturenmeile, die heute von den Nanas bis zum Königsworther Platz reicht.

Niki de Saint Phalle, 1964. Foto: Erling Mandelmann, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Eine Rebellin von Anfang an

Niki de Saint Phalle wurde am 29. Oktober 1930 in Frankreich geboren und wuchs größtenteils in New York auf; die wohlhabende Familie hatte beim Börsencrash 1929 ihr Vermögen verloren. Als Jugendliche bemalte sie an ihrer Klosterschule die Feigenblätter der klassischen Statuen rot – und musste daraufhin die Schule wechseln.⁴ Ich mag diese Anekdote sehr, weil sie im Kleinen schon alles enthält: eine junge Frau, öffentliche Skulptur, ein Regelbruch und die Frage, wer eigentlich bestimmt, wie Körper gezeigt werden.

Ab 1965 entstanden die ersten Nanas, anfangs aus Draht und Stoff, bald aus Polyester – einem Material aus dem Bootsbau, leicht, wetterfest und in jeder Form gießbar. Der Preis dafür war hoch: Die Dämpfe des Polyesterharzes, mit dem sie ab etwa 1967 arbeitete, schädigten ihre Lunge schwer; sie litt den Rest ihres Lebens an den Folgen.⁴ Niki de Saint Phalle starb am 21. Mai 2002 in La Jolla, Kalifornien.⁴ Zu ihrem Spätwerk gehören der Tarotgarten in der Toskana, an dem sie jahrzehntelang baute, und der Strawinsky-Brunnen vor dem Centre Pompidou in Paris, den sie gemeinsam mit ihrem Mann Jean Tinguely schuf.

Fahr hin. Wirklich.

Fotos von den Nanas gibt es Millionen. Was auf keinem Foto ankommt, ist ihre Größe und dass sie von jeder Seite anders aussehen. Den genauen Standort findest du ganz einfach in der Artventure App. Deshalb mein Plan für einen Niki-Tag in Hannover, alles gut zu Fuß oder mit der Stadtbahn erreichbar:

  • Leibnizufer: Geh einmal ganz um die Gruppe herum, und dann auf die Brücke – von dort hast du alle drei im Blick. Samstags stehen sie mitten im Altstadt-Flohmarkt, dem ältesten Flohmarkt Deutschlands. Die Nanas sind jederzeit frei zugänglich und kostenlos.
  • Sprengel Museum: Die Künstlerin hat etwa 400 Werke an das Museum gespendet. Freitags ist der Eintritt frei. Welche Arbeiten gerade zu sehen sind, wechselt – schau vorher auf sprengel-museum.de.
  • Herrenhäuser Gärten: Zum Schluss die Grotte im Großen Garten. Eintrittspflichtig, Öffnungszeiten vorher auf hannover.de/Herrenhausen prüfen.

Nicht nur in Hannover gibt es Werke von de Saint Phalle, sondern auch in Duisburg. Diesen Brunnen hat die Künstlerin gemeinsam mit ihrem Ehemann Jean Tinguely geschaffen:

Und falls du schon bei den Nanas warst: Welche ist deine Lieblings-Nana? Sophie, Caroline oder Charlotte? Schreib es mir in die Kommentare.


Quellen
¹ „Nanas (Hannover)“, Wikipedia, mit Verweis auf Berichte der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (15.08.2018, 08.02.2024, 28.02.2024) und hannover.de; abgerufen am 30.10.2026
² Visit Hannover: „Nanas Hannover: The History of the Colorful Landmarks“, abgerufen am 30.10.2026; Landeshauptstadt Hannover: „Am Leibnizufer bei den Nanas“, abgerufen am 30.10.2026
³ „Straßenkunst in Hannover“ und „Martin Neuffer“, Wikipedia, abgerufen am 30.10.2026
⁴ Niki Charitable Art Foundation: Biography, abgerufen am 30.10.2026
⁵ Deutsches Ärzteblatt: „Niki de Saint Phalle (1930–2002): Hinausgeschriene Kunst“, abgerufen am 30.10.2026
Werkangaben zu den Nanas und zum Ernst-August-Denkmal: Artventure-Datenbank, Stand 30.10.2026

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